Trendsurfing für Anfänger!

Corona-Krise, Terroranschläge, eine brennende Kirche in Paris – und wieder schwappt eine Welle der Emotionen durch die Gesellschaft. Profilbilder werden mit irgendeinem schicken Banner und dazupassendem Aufruf versehen, Flashmobs aller Art sprießen wie Pilze aus dem Boden und plötzlich ist ein neuer Trend geboren. Obwohl ich teilweise froh bin, dass durch diese Ereignisse andere fragliche Trends wie Einhorn-Mania oder die Flamingo-Invasion abgelöst werden stimmt mich das alles nachdenklich.

Schicke Wörter werden neu erfunden oder wiederbelebt damit sie sich im Anschluss alle auf die Fahnen schreiben können. Nachhaltig ist zum Beispiel eines dieser Wörter. Was sind wir doch alle nachhaltig. Wir schmeißen unseren Müll nämlich nicht direkt ins Meer. Wir bringen ihn zur Tonne – wohin er dann gebracht wird sehen wir nicht mehr.

Ein weiteres dieser Wörter ist achtsam! Plötzlich sind wir alle so was von achtsam. Sogar alle unsere Produkte sind um einiges achtsamer als die von anderen. So ein schönes Wort! Aber darüber möchte ich heute garnicht schreiben.

Solidarität!

Das Wort der Stunde lautet nämlich Solidarität.

Da gibt es einen Aufruf der uns dazu anhält die nächsten paar Wochen vermehrt Zuhause zu bleiben. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, entsteht eine Welle aus Solidarität die quer durch alle Gesellschaftsschichten schwappt. Leute Singen von Balkonen, klatschen für Einsatzkräfte, schreiben sich #stayhome auf ihre Profilbilder und predigen wie wichtig es ist zusammen zu halten. Diejenigen die sich in Quarantäne befinden werden verbal bestärkt durchzuhalten als säßen sie irgendwo in Kriegsgefangenschaft.

Ich weiß das klingt jetzt sehr abwertend. Als wolle ich die neu entdeckte Solidarität schlecht reden und das ist uncool – weil – ist ja so garnicht solidarisch.

Zusammenhalt, Nachbarschaftshilfe und Nächstenliebe sind toll und es gibt nichts was für unsere Gesellschaft wichtiger ist. Es ist IMMER wichtig – nicht nur Krisenzeiten.

Was mich allerdings wirklich ziemlich nervt ist diese Doppelmoral. Die Menschen schreiben sich Dinge auf die Plakate die sie aufopfernder Weise angeblich für andere tun und verleugnen dafür andere Dinge die sie NIE tun würden.

Ich bin kein Hamster, ich kaufe immer für eine Fußballmannschaft ein!

Da gibt es zum Beispiel die Menschen die sich maßlos über andere aufregen wenn sie aus Angst größere Vorräte anlegen. Sind ja alle verrückt geworden mit ihren Hamsterkäufen. Und genau diese Menschen stehen einen Tag später mit zwei Einkaufswägen voll Klopapier und Nudeln an der Kassa und schütteln die Köpfe weil sie die „Hamsterkäufer“ einfach nicht verstehen können. Sie selbst würden so etwas NIE tun. Ist nur ein blöder Zufall, dass der Tag an dem sie immer ihren Jahresvorrat an Konserven, Reis und Klopapier kaufen genau mit dem Ausbruch der Pandemie-Panik zusammen fällt.

Schau auf dich / Schau auf mich! Naja…doch besser nur auf mich!

Und dann gibts da noch die zweite Gruppe Doppelmoralapostel.
Diejenigen die sich für alle notwendigen Maßnahmen und die dazugehörigen Kontrollen aussprechen – allerdings nur so weit wie diese Maßnahmen das eigene Leben nicht berühren.

Die Menschen die in Desinfektionsmittel baden und Atemschutzmasken aus Krankenhäusern fladern um dann mit dem Finger das Smartphone zu streicheln und für das perfekte Selfie anschließend den Finger neckisch an die Lippe halten! Leute die wild fuchtelnd nach Homeoffice kreischen weil es unzumutbar wäre unter diesen Umständen weiter zur Arbeit zu kommen. Damit muss der Arbeitgeber leben – ist ja eine Krise – wir müssen zusammenhalten und so.

Tritt dann österreichweit eine Ausgangsbeschränkung in Kraft die die Menschen dazu anhält den eigenen „Fun-Factor“ zum Wohle der Gesellschaft zurückzuschrauben wird das Solidaritätsgebrüll plötzlich erschreckend leise. Genau diese Menschen sind es, die dann trotz anderer Anordnung Besuch empfangen, Freunde treffen, gemeinsam einen trinken und Partys schmeißen. Wir sind ja eh alle gesund und schließlich kann niemand verlangen, dass wir völlig vereinsamen in ein paar Wochen in denen wir uns nur über Telefon, Videochat und Messengerdienste verständigen können. Außerdem merkts ja keiner – schließlich steht auf meinem Profilbild „schau auf mich / schau auf dich“ ähm – naja besser doch nur auf mich.

3 Gedanken zu “Trendsurfing für Anfänger!

  1. Meine Liebe…., soviele Daumen hoch und Herzchen und Emojs gibt es gar nicht, welche ich jetzt gerade nutzen würde um deinen Blog zu supporten. Mir fehlte bisher die Zeit ebenfalls einen zu verfassen, da ich nahezu minütlich am Telefon oder Handy Fragen beantworte. Der Witz ist ich bin kein Mediziner. Ich arbeite lediglich bei einem Arzt und hab Psychologie studiert. Dennoch brechen meine Gespräche meist schnell ab, da ich weder die von meinen Fragestellenden in den Raum geworfenen Verschwörungstheorien befürworte, noch diese Hysterie untermale. Ich selbst habe ganz normal Urlaub und arbeite ab dem 31. März wieder. Von meinem Chef wurde ich gebeten dies als Quarantäne zu nutzen, damit ich dann voll einsatzfähig bin. Nicht auszumalen was mich da dann erwarten wird. Mein Chef ist Gott sei Dank sehr geerdet. Natürlich halte ich mich an die Distanz meiner Mom gegenüber, da sie schwer vorerkrankt ist. Was sich aber da draußen in den Supermärkten, hier drinnen in den Social Medias abspielt ist unfassbar IRRE. Ja dieses Wort ist momentan mein Favorite Word. Worte welche ich NICHT mehr hören und lesen kann sind „EINKAUFEN, TOILETTENPAPIER, SOLIDARITÄT“ Freu mich schon auf deinen nächsten Blog und hoffe selbst in den kommenden Tagen die Zeit zu finden selbst einen zu verfassen. Bleib gesund und weiterhin tuned. 🙂

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    1. 1000 Dank! 😃💕
      Für deinen Support, für dein unfassbar wertvolles Feedback und vor allem dafür, dass du jeden meiner Blogeinträge so aufmerksam liest!
      Ich kann mir gut vorstellen, dass es in deinem Beruf in dieser Zeit sehr anspruchsvoll ist 😯 umso wichtiger, dass es Menschen gibt die sie Stellung halten und für andere da sind!!
      Alles erdenklich Liebe,
      Sonja

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      1. Einen wunderschönen guten Morgen. Wenn man momentan in einem medizinischen Beruf arbeitet, ist das Ganze für einen selbst eher greifbar und von daher nicht so erschreckend und angsteinflößend. Man darf aber nicht vergessen, dass es auch in diesem Sektor sehr viele Unterschiede gibt und dass es enorm darauf ankommt, wie man sich selbst gegenüber anderen verhält. Viele Arztpraxen mussten bereits 2 Wochen quarantänemäßig schließen, weil sie zu wenig Regeln befolgten. Andere Praxen wiederum handeln sehr vorbildlich und bewusst. Der Mensch an sich ist, war und bleibt seine eigenen Glückes Schmied und es ist gerade jetzt wieder wichtig, sehr bewusst zu denken und dementsprechend zu handeln. Würde das jeder tun (was schier in der Masse unmöglich ist, daher die ganzen Einschränkungen) dann wären wir schon einen Riesenschritt weiter. Unsere Mentalität kräht einfach nahezu nach all den ganzen Hürden, welche da nach und nach auf uns zurollen, weil wir es einfach nicht schaffen gegensätzliches im Nutzen und Sinn zu vereinen. Sich in der Öffentlichkeit mit Anstand und jetzt momentan Abstand zu verhalten sollte ein schon allein aus Respekt nötiges Gut sein. Aber unsere Gazetten und Sozialen Netzwerke sind zugespamt mit ABERs und DONTs und HÄTTEs und KÖNNTE. Freiheit, Meinungsfreiheit und Demokratie bedeutet NICHT ungehobelt und mit dem Kopf durch die Wand immer seinen Willen durchsetzen zu wollen. Manchmal sind Disziplin, Rücksicht und vorallem Solidarität die Schlüssel zu einem friedlichen und gesundem Miteinander. Sorry wurde was länger. Ich wünsche dir nur das Beste und freue mich schon auf deinen nächsten Blog. Lg ❤

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